Seit dem 18. Februar 2019 ist das Goldene Dachl Museum wieder zu besichtigen. Nach dem Umbau eröffnet die kleine, aber feine Ausstellung den Reigen der 500 Jahre Maximilian Ausstellungen in Innsbruck. Bei meinem ersten Lokalaugenschein besticht die neu konzipierte Ausstellung mit den acht original restaurierten Reliefzyklen. Die Ausstellung wirft konkrete Fragen auf: Wo und wie kann das Wirken Maximilians I. im Hier und Jetzt nachgespürt werden? Wie wurde das Goldene Dachl z.B. zum Wahrzeichen Innsbrucks? Und die Sonderausstellung trägt schlicht und einfach den Titel: Was bleibt? Auf diese Frage gibt es viele Antworten. Einen kulturhistorischen Aspekt möchte ich herausgreifen.

Goldene Dachl

Das Goldene Dachl wurde 1500 an den Neuhof angebaut und diente als Prunkerker. Maximilian I. hatte dort seinen Logenplatz. Bei großen Festen und Turnieren, die am Stadtplatz ausgetragen wurden, besetzten die Damen und Herren die Fenster und das Volk drängte sich rund um die Schranken. Jeder wollte bei den Events des ausgehenden Mittelalters an vorderster Front live dabei sein. Große Feste und Turniere sowie Mummereien und Tänze wurden meist in der kalten Jahreszeit veranstaltet. Vorwiegend in der Zeit der Fasnacht. In der Fasnacht 1498 lud Maximilian den Mailänder Turnierhelden Sanseverino nach Innsbruck ein, um sich mit ihm zu messen. Man führte zur Ehre einer Dame ihre Farbe und Abzeichen. Maximilian soll in seiner burgundischen Zeit über seinen Helm lange Eselsohren zu Ehren von Maria von Burgund getragen haben, die ihm diesen Spaß gegönnt habe. Eine Narrenkappe mit Eselsohren trägt er übrigens auch auf dem Fresko im Söller des Goldenen Dachls. Die junge Dame neben ihm im roten Kleid ist seine zweite Frau, Bianca Maria Sfozra. Auch wenn er nicht in sie vernarrt war, kniete er als Torr vor ihr und trägt die Narrenkappe mit Eselsohren.

Die beiden mittleren Reliefs am Balkon des Erkers zeigen Maximilian I. – einmal im Profil seinen beiden Frauen zugewandt und en face zwischen Hofnarr und Ratsherrn. Links und rechts davon die Moriskentänzer mit ihrem expressiven Gesichtsausdruck, ihren exotisch anmutenden Kleidern, die mit Schellen an den Beinen und Bändern versehen sind. Bekannt sind die Morisken, die vermutlich aus dem Süden stammten, aufgrund ihrer grotesken Bewegungen, Verdrehungen und ausgelassenen Sprungtänzen. Die Morisken tanzten um die Gunst der „hohen Frau“. Bianca Maria Sforza hält für den besten Tänzer das Preisgeld in ihrer Hand – den goldenen Apfel.

Feste und Mummereien

Feste oder Festzeiten schlossen immer mit Tänzen und Mummereien ab. Um 1500 gehörte die Mummerei zu den wohl beliebtesten abendlichen Tanzveranstaltungen der höfischen Gesellschaft. Die höfischen Maskeraden waren eine besondere Kurzweil, die in der Zeit der Fasnacht, bei Hochzeiten, wichtigen Besuchen und vor allem nach ritterlichen Turnieren stattfand. Die Mummerei war demnach eine Ehrerweisung an die Damen und ein Privileg für die Teilnehmer. Eine besonders gute Quelle hierfür ist das autobiografische Werk Freydal, das von Kaiser Maximilian I. selbst diktiert wurde. Dort wurden alle Turnierformen aufgelistet und die Tanzfeste bildlich festgehalten. Es war quasi als Pendent zu den Ritterspielen gedacht, denn die Teilnehmer traten nach dem Turnier vermummt in Erscheinung. Die Herren waren also Inkognito. Dabei wurden die höfischen Umgangsformen bis zur „Enttarnung“ aufgehoben. Sie konnten unerkannt mit Frauen eines niederen Standes freizügig tanzen, ohne die Regeln des Hofzeremoniells zu verletzen. Kam der Kaiser maskiert auf den Tanzboden, dann begleiteten ihn Fackelträger.

Die Mummereien waren „auf eine Manier“, d.h. unter ein bestimmtes Motto gestellt. Zur allgemeinen Belustigung hatte sich der Kaiser stets neue Verkleidung einfallen lassen. Einmal erschien er als Gaukler und Narr, dann wieder als Bauer, Bürger oder Bergknappe sowie als Türke, Ungar oder Russe usw. Die Lust an der Vermummung kannte keine Grenzen. Die Verkleidungen waren durchaus sehr aufwändig und kostspielig. Die homogene Einkleidung der Teilnehmer jedoch hob die Zugehörigkeit zu einer elitären Clique hervor. Für die Vermummung des Gesichts verwendete man häufig Netzmasken bzw. Seidenhauben, sodass man nicht wusste, Who is Who.

Narrenfreiheit zur Fasnacht

Die Verwechslung und Vertauschung der Rollen war gewünscht. Ja, sie war Teil der mittelalterlichen Philosophie der „verkehrten Welt“. Der Herrscher schlüpft in die Rolle des Narren und der Narr in die des Kaisers. Damit ist die Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse kurzzeitig in Kraft. Es ist die Zeit der Narren, die Zeit des Ausgelassen-Seins und des Aus-sich-Herauszutretens. Jeder kann in die Rolle eines anderen schlüpfen, eine andere Position einnehmen, sozusagen die Welt auf den Kopf stellen und damit neue Ansichten und Einstellungen erlangen. Das Grundbedürfnis, das Alltägliche zu verlassen, Altes loszuwerden, um Neues zu beginnen, markiert auch den jahreszeitlichen Übergang. Die fünfte Jahreszeit liegt zwischen Winter und Frühling, vor der Askese und des Verzichts, die mit der Fastenzeit anbricht.

Unter der Maske herrschte nämlich Narrenfreiheit. Der Begriff der Narrenfreiheit äußert sich heute noch bei Faschingsumzügen, denn es ermöglicht, ungestraft Kritik an den bestehenden Verhältnissen zu üben. Auch die Parodierung von Höhergestellten ist erlaubt. Den Herrschenden wird ein Spiegel vorgehalten und humoristisch auf Missstände hingewiesen. Doch sobald der Unmut geäußert und adressiert ist, verliert er – psychologisch gesehen – die soziale Sprengkraft. In der Übertreibung liegt also eine kathartische Wirkung, wie nach dem ausgelassenen, ekstatischen Tanz die Phase der Erschöpfung eintritt.

Was bleibt, ist ein Grundbedürfnis der Menschen, Feste ausgelassen zu feiern, aus dem Alltag auszubrechen, die Lust, sich zu vermummen und zu verkleiden und Schabernack zu treiben. Das war in der Renaissance genauso wie heute. – Und das Goldene Dachl ist ein beredtes Zeugnis dafür.

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